Vor einigen Jahren las ich einen
Artikel über Manila. Das sei weltweit die Stadt, in der sich die Menschen am
häufigsten SMS-Nachrichten schicken. Weiter las ich, dass diese Abertausende
von Nachrichten, die dort täglich ausgetauscht werden, bloss aus einem
lächelnden Smiley bestehen. Sonst nichts. Das bedeutet dann so viel wie: «Hey,
ich habe grad in diesem Moment an dich gedacht!» Und die Person, die so eine
Nachricht bekommt, lächelt zurück: «Hey, schön, dass du an mich gedacht hast!»
Und so weiter und so fort. Faszinierend. Seit der Lektüre dieses Artikels ist
einige Zeit vergangen. Die Faszination ist geblieben. Doch Zürich ist nicht
Manila. Und das hat verschiedene Gründe. Wir denken nämlich, eine SMS-Nachricht
müsse einen Sinn haben. Müsse sich lohnen. Schliesslich bezahlen diejenigen,
die kein monatliches All-inclusive-Package abonniert haben, immer noch 20
Rappen pro Kurznachricht. Da will man bei 160 Zeichen inklusive Leerschläge
effizient sein. Die Tage vergehen und man denkt hie und da an X, an Y und auch
an Z. Doch man wartet. Bis man einen triftigen Grund für eine intelligente
Nachricht von 160 Zeichen inklusive Leerschläge gefunden hat. Alles andere wäre
emotional übertrieben. Und finanziell sowieso. Man denkt ja ständig an
jemanden. Ich glaube aber, ein Lächeln auf das Gesicht eines anderen Menschen
zu zaubern, ist unbezahlbar und macht immer Sinn. Und deshalb bin ich für mehr
Empathie im Leben: Spread your love!
Dies ist eine Art Tagebuch über mein Leben als Seconda in der Schweiz. Mit Abstechern in die Vergangenheit, Gedanken und Erlebnissen zu Identität und Heimat. Ein Tanz zwischen den Kulturen, der manchmal auch auf Reisen stattfindet.
Sonntag, 15. September 2013
Freitag, 6. September 2013
Donnerstag, 5. September 2013
Wer zuerst das Meer sieht, hat gewonnen
Noch ist Sommer und kein Herbst. Und
so wandern die Gedanken in längst vergangene Sommer, in denen wir ans Meer
fuhren. An Feldern, wilden Kaktusfeigen und Weiden vorbei. Darauf sonnten sich
schwarze Büffel. «Da kommt die Mozzarella her, die echte», erklärten uns die
Eltern. Ein Wunder – un miracolo. Wie konnten aus diesen mächtigen, schwarz
befellten Tieren so hübsche, schneeweiss glänzende Mozzarellakugeln entstehen?
Immer erwischte mich beim Vorbeifahren ein Büffel, der mir unverblümt und
direkt in die Augen blickte. Pechschwarze Augen. Natürlich ass ich damals keine
Mozzarella. Doch der Gedanke an ihre wundersame Entstehung faszinierte mich und
trug mich weiter bis zur Wegkreuzung, an der mein Vater stets den gleichen Satz
sagte: «Wer zuerst das Meer sieht, hat gewonnen!» Solange meine sechs Jahre
ältere Schwester mitfuhr, gewann ich nie. Ich habe trotzdem mitgespielt und
einfach gewartet, bis meine Schwester endlich rief: «Ich sehe es! Das Meer!»
Ich aber hatte das Meer längst ... gerochen. Schon bei den Kaktusfeigen und den
Büffeln. «Das zählt nicht!» rief meine Schwester aufgebracht, als ich es einmal
sagte. «Man muss das Meer sehen.» Nein, muss man nicht. Man kann es auch
riechen. Jederzeit und überall. Sogar in der Stadt. Auch in Zürich.
Sonntag, 25. August 2013
Schweizer Milch ist besser
Heute Morgen, als ich mir das
Frühstück zubereitete und es draussen zum ersten Mal nicht mehr nach Hochsommer
ausschaute, kamen mir die Frühstücke meiner Kindheit in den Sinn. Dort, wo wir
jeden Sommer nach der langen Warterei in Roma Termini mit dem Regionalzug
weiterfuhren, ins Heimatdorf meines Vaters, südlich von Rom, nördlich von
Neapel. Gleich nach der Ankunft, ging meine Mutter in den Dorfladen und kaufte
die nötigsten Lebensmittel ein, darunter auch Milch, damit wir Mädchen am
nächsten Morgen frühstücken konnten. Ich weiss noch, dass sie es jedes Jahr
aufs Neue versuchte. Mich davon zu überzeugen, italienische Milch zu trinken.
Und ich erinnere mich noch genau, wie ich mich Jahr für Jahr ein paar
Ferientage lang in einen stillen und letztendlich erfolgreichen Widerstand
begab. Ich war nie ein Milchkind gewesen. Es kostete mich auch in der Schweiz
jeden Morgen einiges an Überwindung, die heisse Milch mit wenig Kakaopulver –
meine Mutter hielt Kakaopulver für ungesund – zu trinken. In Italien aber, war
für mich in keiner Weise an Milch trinken auch nur zu denken. Auch mit der
doppelten Menge an Kakaopulver nicht. Die Milch roch einfach anders. Ich kann
nicht genau sagen wonach. Vielleicht ein bisschen nach Käse, nach verdorben
oder nach Plastik oder alles zusammen? Natürlich tat ich es kund und schob
angewidert die Tasse von mir. Da meine Mutter von relativ ungeduldiger Natur
ist, nahm sie sofort ein Glas zur Hand, schenkte sich energisch etwas Milch
ein, roch daran, trank es in einem Zug leer und sagte, dass sie nichts
Aussergewöhnliches an dieser Milch feststellen konnte. Dass sie genauso roch
und schmeckte wie die Milch in der Schweiz und ich solle jetzt mal nicht so
heikel tun. Schliesslich würden meine Schwester und alle anderen Dorfkinder
diese Milch jeden Morgen auch trinken. Basta. Da argumentieren bei meiner
Mutter nichts nützte, begab ich mich in einen stillen Widerstand, der am ersten
Ferientag durchaus auch bis zur Mittagszeit dauern konnte. Ich sass einfach da,
sagte nichts, trank aber auch meine Milch nicht. Am nächsten Tag versuchte sie
es mit einer anderen Milchmarke. Die sei viel besser, auch teurer, aber das sei
egal, Hauptsache ich würde meine tägliche Ration Milch trinken. Nichts zu
machen. Ich rührte auch die teure italienische Milch nicht an. In der
Zwischenzeit wirbelte meine Mutter um mich herum, machte die Betten, wischte
den Boden, ging ins Badezimmer, duschte, zog sich an und erinnerte mich in
regelmässigen Abständen daran, meine Milch endlich zu trinken. So ging es zwei,
drei Tage lang. Nichts geschah. Ich konnte diese Milch einfach nicht trinken.
Irgendwann, am Tag X, setzte sich mein Vater zu mir an den Tisch. Rührte lange
und schweigend in seinem Espresso herum, trank ihn, schaute mich an und fragte,
ob es denn wirklich so schlimm sei mit dieser Milch. «Ja, ist es», antwortete
ich leise. Und dann sagte er, mehr beiläufig als direkt, zu meiner Mutter:
«Weisst du, sie könnte ja morgens auch einfach einen Tee trinken.» «Kinder
müssen Milch trinken», antwortete meine Mutter leicht gereizt. «Aber vier
Ferienwochen lang keine Milch trinken, wird ja wohl keinen so grossen Schaden
anrichten, meinst du nicht auch?» und zu mir gewandt fuhr mein Vater fort: «Du
versprichst aber, dass du, wenn wir wieder in der Schweiz sind, jeden Morgen
anstandslos deine Milch trinkst, nicht wahr?» Es kostete mich viel, aber ich
versprach es. Ich war gerettet. Fortan bekam ich in den Sommerferien zum
Frühstück einen kleinen Krug Tee, dazu eine Scheibe italienisches Weissbrot mit
Marmelade – ohne Butter – die roch nämlich auch seltsam ...
Mittwoch, 21. August 2013
Mein Karma und das Tropenfieber
Da bin ich wieder. Daheim bzw. in der Schweiz, in Zürich, in meiner
Wohnung. Der letzte Tag im Kamalaya, an dem ich alles zum letzten Mal tat, war
schön. Dann aber, in der letzten Nacht, von Donnerstag auf Freitag, bekam ich
Fieber. Zuerst dachte ich es sei einfach eine ungewöhnlich warme Tropennacht,
bin am Morgen früh noch ins Yoga, zum Frühstück und dann runter zum Strand
gegangen. Irgendwie musste ich aber schon etwas angeschlagen ausgesehen haben,
denn der Liegestuhl wurde mir unaufgefordert unter einen grossen, schattigen
Baum geschoben. Später schmeckte mir das Mittagessen zum ersten Mal nicht und
als ich anschliessend meine Sachen zusammenpackte, hatte ich ein sehr fiebriges
Gefühl. Also habe ich zur Sicherheit ein Dafalgan genommen und gleichzeitig ein
paar davon ins Handgepäck verstaut.
Während des einstündigen Fluges von Koh Samui nach Bangkok war es
eiskalt. Aber zum Glück gehöre ich nicht zu den Frauen, die aus warmen
Urlaubsdestinationen im Minirock nach Hause fliegen müssen. In Bangkok dann ein
paar Stunden Wartezeit für den Anschlussflieger. Nochmals eine Tablette, aber
vorher am Nudelstand etwas essen, Shops anschauen, letzte SMS schreiben. Ich
habe gebetet, dass mir im Flieger nicht schlecht wird. Hat genützt. Trotzdem,
elf Stunden lang fiebrig zwischen Kabinenfenster und einem jungen Mann sitzen,
der zwar sehr nett war, aber sich wegen seiner grossen Holzfällerstatur nur
robotermässig vom Sitz erheben konnte, wenn ich mal aufstehen wollte, war alles
andere als angenehm. Während des Fluges ist mir dann plötzlich das Denguefieber,
das sogenannte Tropenfieber, eingefallen. Wird durch die asiatische Tigermücke
übertragen, die nicht nur nacht- sondern leider auch tagaktiv ist. Und nein,
ich habe mich nicht jeden Tag und jeden Abend konsequent mit Antibrumm
eingesprüht ... Andererseits reise ich seit 13 Jahren nach Asien, war auch
schon in Indien und auch schon in Gebieten, die als malariagefährdet gelten,
hatte immer Malariaprophylaxe dabei. Nie ist etwas passiert. Sollte diesmal
mein Karma etwas anderes mit mir vorhaben? Es liess mir keine Ruhe und so bin
ich am Samstagnachmittag in die Permanence gegangen. Dort haben sie mir Blut
genommen und zur Untersuchung in ein Labor geschickt. Ich habe ein Medikament
gegen Schmerzen bekommen und die Aufgabe, mich bis Montag genauestens zu beobachten.
Bei Fieberanstieg hätte ich mich sofort wieder zeigen müssen. Das Fieber blieb
immer gleich. In der Nacht auf Montag kamen ein trockener Husten und ein
Stechen in der Brust dazu. Natürlich habe ich im Internet alles Mögliche und
Unmögliche zum Stichwort Tropenfieber recherchiert. Ich weiss jetzt ziemlich
genau Bescheid. Das erste Mal verläuft es in der Regel harmlos und mit
unspezifischen Symptomen. Wenn dich die Tigermücke aber ein zweites Mal
erwischt und mit einem anderen Virus als beim ersten Mal infiziert (es gibt
vier verschiedene Untergruppen), dann kann es kompliziert werden und auch
tödlich enden. Also
warten auf das Resultat. Die zwei Wochen Yoga und Meditation sind nicht spurlos
an mir vorbei. Noch nie habe ich so gelassen und ruhig auf ein Resultat
gewartet. Habe geduldig gewartet, was mein Karma mir mitteilen will. Die
Blutprobe war unauffällig, sagte die Ärztin am Montagnachmittag. Das
Denguefieber ist mit aller Wahrscheinlichkeit auszuschliessen. Tönt für eine,
die sich hauptberuflich mit Sprache beschäftigt nicht ganz restrisikofrei. Aber
da ist ja noch der Husten. Sie untersucht Brust und Lungen, hört und tastet ab.
Sie schickt mich mit «entweder eine leichte Lungenentzündung oder Bronchitis»
nochmals runter zur Blutentnahme. «Weisse Blutkörperchen sind soweit in
Ordnung. Sie haben eine Bronchitis.» Danke, liebes Karma! Und so bin ich nach
zwei Wochen Yoga und Meditation unverhofft zu einer weiteren Woche Ruhezeit
gekommen. Fieber habe ich immer noch. Ich bin zu Hause, arbeite ein bisschen
von da aus und bin dankbar, dass die anderen das Geschäft schmeissen.
Zwischendurch kann ich meditieren, mir neue Asienreisen ausdenken ... Aber vor
allem muss ich viel schlafen und meine Bronchitis auskurieren.
Donnerstag, 15. August 2013
Time to say goodbye
Heute mache ich alles zum letzten Mal. Morgen geht's wieder nach Bangkok und dann mit dem Nachtflug zurück nach Zürich. Ich wollte noch einen längeren Post über Hongkong Secondos und die Multikultur und deren Selbstverständlichkeit in Malaysia schreiben. Darüber habe ich mich nämlich ausführlich an der Community Table unterhalten. Doch mein Airbook streikt - hoffentlich nur vorübergehend - und via iPhone sind längere Posts etwas umständlich.
Ich hoffe, meine Einträge haben euch gefallen. Feedback dazu hab ich fast keines bekommen, aber ich sehe ja, dass sie gelesen werden ... So, wake up and say something! Life is too short to say nothing ...
Mittwoch, 14. August 2013
Abonnieren
Posts (Atom)




