Heute, nachdem ich dieses
Foto mit dem Satz «Today... take time to do what makes your soul happy» auf
meine FB-Seite Hand aufs Herz
Handanalysen gepostet hatte, wurde mir erst bewusst, dass das
Bildarrangement meine Frage nach Identität spiegelt. Ristretto und Schokolade. Italien
und Schweiz. Ein Ristretto ist ein stark gepresster Espresso. Intensiv im Aroma,
in zwei, drei Schlucken getrunken und mit nachhaltiger Wirkung. Ich bin ein
Ristretto. Habe Ecken und Kanten. Manche sind mittlerweile ersichtlich, andere immer
noch süss verpackt. Ich kann mich sehr gut anpassen. Bedingt durch meine
Geschichte – die Geschichte meiner Eltern. Migranten aus dem Süden. Ja nicht
auffallen, ruhig sein, still sein, Schokolade sein. Das Mantra meiner Kindheit.
Sich daraus herausschälen braucht seine Zeit.
Dies ist eine Art Tagebuch über mein Leben als Seconda in der Schweiz. Mit Abstechern in die Vergangenheit, Gedanken und Erlebnissen zu Identität und Heimat. Ein Tanz zwischen den Kulturen, der manchmal auch auf Reisen stattfindet.
Samstag, 1. November 2014
Sonntag, 19. Oktober 2014
Paris - Passion pour la couleur
Die Ausstellung über das
Lebenswerk von Sonia Delaunay (1885-1979) im Musée d’Art Moderne von Paris ist
absolut sehenswert. Die Ausdruckskraft der Farben schlichtweg faszinierend.
Eine Künstlerin, die das eigene Leben zur Kunst machte. Sie malte nicht nur,
sondern entwarf auch Möbel, Teppiche, Dekorationsgegenstände, Stoffmuster und
hatte eine eigene Kleiderkollektion. Eine Frau, die ihrer Zeit weit voraus war
und bis ins hohe Alter malte. In einem Filmausschnitt sagt sie rückblickend: Je voulais exprimer ma poésie intérieure et vivre
librement. Sie liebte das Leben.
Das sieht man an den Farben, in die man förmlich eintauchen kann. Ich war zwei
Stunden lang völlig hin und weg. Eine wunderbare Ausstellung. Noch bis zum
22. Februar 2015 in Paris.
Samstag, 18. Oktober 2014
Paris – Sie sind Italienerin, das spüre ich!
Sagt Antoine, der Besitzer
des Parfumladens Marie Antoinette im Marais. Das Parfum, das ich im Auftrag
einer Freundin kaufen soll, führt er nicht mehr und deshalb schickt er mich mit
seinen besten Empfehlungen in einen Laden in die Rue de Castiglione. Am Schluss nennt er sich Antonio und spricht
Italienisch mit mir.
Seit gestern Abend bin ich
in Paris. Der Anreisetag, mit Zwischenhalt und Arbeitsessen in Strasbourg, war lang
und anstrengend. Mein kurzer Aufenthalt hier, eine Mischung zwischen
geschäftlich und privat. Ich treffe Übersetzer und gleichzeitig ein bisschen
entspannen wäre gut. Gestern Abend schien mir das noch ein Ding der
Unmöglichkeit zu sein. Paris ist hektisch und laut. Doch heute früh fühlte sich
alles ganz anders an. Strahlend blauer Himmel, Kirchenglocken, Schritte auf dem
Kopfsteinpflaster ... Paris übt immer wieder einen besonderen Charme auf mich
aus. Hier kann ich meine Gedanken spazieren führen. Durch die Strassen des Marais, im Jardin des Tuileries, in Museen und sogar in der Metro.
Montag, 13. Oktober 2014
Geburtstagswünsche
Immer noch
wunderbarer Oktober und der eigene Geburtstag schon wieder Geschichte. Danke
für die Zusendung diverser Herbstgedichte – auch von selbst gereimten – und
dass ihr doch noch eines von Goethe gefunden habt!
Auch
Geburtstagswünsche sind Heimat. Insbesondere die altbekannten, wiederkehrenden.
Die, die dich in irgendeiner Form jedes Jahr erreichen. Egal, wo du oder die andere
Person sich auf dieser Welt gerade befinden. Diesmal blieben sie nach drei
Jahrzehnten zum ersten Mal aus. Ich weiss weshalb. Und trotzdem wäre es nicht
nötig gewesen. Dieses Auge-um-Auge-Zahn-um-Zahn-Gehabe. Dieser Stolz. Zusammen
mit den guten Wünschen zum neuen Jahr stellten sie ein Zeichen der
Verbundenheit dar. Und wurden durch all die Jahre hinweg zu einem Stück Heimat.
In zehn Wochen fliege ich nach Indien. Glückwünsche zum neuen Jahr nehme ich
dann gerne elektronisch entgegen.
Sonntag, 5. Oktober 2014
Der Herbst ist keine Jahreszeit
Der Herbst ist
Heimat. Zumindest für mich. Vielleicht weil ich im Herbst geboren wurde. Satte
Farben. Leuchtend und ausdrucksstark in ihrer Tiefe. Das Beste wäre jetzt ein
Herbstgedicht von Goethe gewesen, aber ich habe keines gefunden.
Dienstag, 9. September 2014
Goethe sieht besser aus
... als Dante.
Dies schreibt mir meine Freundin aus Italien als Kommentar zu meinem letzten
Blogeintrag. Genau aus diesem Grunde würde sie viel lieber eine Büste von ihm, als
eine von Dante auf ihr Bücherregal stellen. Ausserdem sei sie stolze Besitzerin
sämtlicher Gedichte von Goethe. Ein Geschenk des deutschen Vizekonsuls aus
Mailand als Dank für geleistete Dolmetscherdienste. Im Begleitschreiben vom 8.
September 1993 steht unter anderem:
(...) La ringrazio, (...) per
essere stata una interprete veramente bravissima durante la visita a Venezia
dei deputati (...). Gli argomenti trattati, decisamente, non erano facili da
tradurre e i due ospiti non erano sempre facili da sopportare, ma Lei è
riuscita a superare queste difficoltà con altrettanto talento che grazia. (…)
Köstlich. Dass nicht
nur das Thema, sondern auch die beiden deutschen Gäste eher von der schwierigen
Sorte waren, wird hier direkt beim Namen genannt. Und dass die Freundin diese
Schwierigkeiten nicht nur mit Bravur, sondern auch con grazia gemeistert hat. Dafür hat sie Tutte le poesie von Goethe geschenkt bekommen. Darum beneide ich sie
nun.
Aber:
Ich finde nicht, dass Goethe besser als Dante aussieht.
Sonntag, 7. September 2014
Bücher aufräumen und dabei etwas über Heimat verstehen
Ich habe mein
grosses Bücherregal entstaubt, gereinigt und sämtliche Bücher neu eingereiht. Rechts
die deutschen, links die italienischen und darüber eine Büste von Dante, die
ich mir vor Jahren mal unbedingt in Florenz kaufen wollte und es auch tat. Zuunterst
die anderen Sprachen. In der Reihenfolge ihrer Häufigkeit sind dies Französisch,
Spanisch und Englisch. Vier Stunden hat mich diese Arbeit gekostet. Dabei bin
ich gereist. Durch Geschichten und Lebensabschnitte. Ich erinnere mich an Begebenheiten,
an einen Ehemann, an Liebschaften, an Freundschaften, an Wohngemeinschaften, an
Stimmungen, an literarische Vorlieben. An bestimmte Sommer und Winter, in denen
ich es mir zum Ziel gemacht hatte, möglichst alle oder zumindest viele Bücher
eines Autors oder einer Autorin zu lesen, weil mich Stil und Handlungen faszinierten.
Schon seit jeher waren mir Bücher Zuflucht, Verstehen und Heimat. Und sie sind
es heute noch.
Ich stelle
fest, dass ich ungefähr gleich viele deutsch- wie italienischsprachige Bücher besitze.
Ich stelle fest, dass ich italienische Übersetzungen von deutschsprachigen Autoren und umgekehrt gelesen habe. Ich
stelle fest, dass links, in der italienischen Abteilung, praktisch lückenlos sämtliche
Klassiker der italienischen Literatur vertreten sind. Und ich stelle fest, dass
rechts, in der deutschen Abteilung, die wichtigsten deutschen Klassiker fehlen.
Nicht, dass ich diese nicht gelesen hätte. Und zwar als handliche,
platzsparende, preisgünstige gelbe Reclam-Ausgaben, denn es gab Lebensphasen,
in denen mein Budget wenig zuliess. Doch dies ist nicht der wahre Grund. Wenn
ich vor meiner Bücherwand stehe und die linke Seite betrachte, dann offenbart
sich mir eine andere Wahrheit. Dass ich nämlich mein knappes Geld lieber in italienische
Klassiker investierte. Mit ihnen verbinden mich nach wie vor Emotionen und die Neugier,
die Wurzeln meiner Herkunft zu erforschen. Zu den deutschen Klassikern konnte
ich nie eine innige Beziehung aufbauen. Ich las sie aus intellektuellem Interesse
und auch weil sie im Zusammenhang mit meinem beruflichen Werdegang zur
Pflichtlektüre gehörten. Bei meinen regen Wohnungswechseln konnte man die überaus
praktischen Reclam-Bändchen – sprich, die deutschen Klassiker – mit ein paar
wenigen Handgriffen problemlos in einen Migros-Papiersack verstauen, der mal
in einem viel zu feuchten Keller zwischengelagert wurde und deshalb Jahre
später der Müllabfuhr zum Opfer fiel. Tönt lieblos, ist es aber nicht. Im
Gegenzug habe ich viele schöne Erinnerungen an Theateraufführungen. Goethe,
Schiller, von Hofmannsthal, Eichendorff, Büchner ... Goethe mag ich. Vor
allem seine Lebensgeschichte, seine Briefwechsel und seine Gedichte. Vielleicht
investiere ich demnächst mal in einen schönen Gedichtband. Aber es würde mir
nie in den Sinn kommen, nach Weimar zu reisen, eine Büste zu kaufen und diese auf
die rechte Seite meiner Bücherwand aufzustellen.
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