Samstag, 1. November 2014

Ich bin nicht beides


Heute, nachdem ich dieses Foto mit dem Satz «Today... take time to do what makes your soul happy» auf meine FB-Seite Hand aufs Herz Handanalysen gepostet hatte, wurde mir erst bewusst, dass das Bildarrangement meine Frage nach Identität spiegelt. Ristretto und Schokolade. Italien und Schweiz. Ein Ristretto ist ein stark gepresster Espresso. Intensiv im Aroma, in zwei, drei Schlucken getrunken und mit nachhaltiger Wirkung. Ich bin ein Ristretto. Habe Ecken und Kanten. Manche sind mittlerweile ersichtlich, andere immer noch süss verpackt. Ich kann mich sehr gut anpassen. Bedingt durch meine Geschichte – die Geschichte meiner Eltern. Migranten aus dem Süden. Ja nicht auffallen, ruhig sein, still sein, Schokolade sein. Das Mantra meiner Kindheit. Sich daraus herausschälen braucht seine Zeit.

Sonntag, 19. Oktober 2014

Paris - Passion pour la couleur

Die Ausstellung über das Lebenswerk von Sonia Delaunay (1885-1979) im Musée d’Art Moderne von Paris ist absolut sehenswert. Die Ausdruckskraft der Farben schlichtweg faszinierend. Eine Künstlerin, die das eigene Leben zur Kunst machte. Sie malte nicht nur, sondern entwarf auch Möbel, Teppiche, Dekorationsgegenstände, Stoffmuster und hatte eine eigene Kleiderkollektion. Eine Frau, die ihrer Zeit weit voraus war und bis ins hohe Alter malte. In einem Filmausschnitt sagt sie rückblickend: Je voulais exprimer ma poésie intérieure et vivre librement. Sie liebte das Leben. Das sieht man an den Farben, in die man förmlich eintauchen kann. Ich war zwei Stunden lang völlig hin und weg. Eine wunderbare Ausstellung. Noch bis zum 22. Februar 2015 in Paris.

Samstag, 18. Oktober 2014

Paris – Sie sind Italienerin, das spüre ich!


Sagt Antoine, der Besitzer des Parfumladens Marie Antoinette im Marais. Das Parfum, das ich im Auftrag einer Freundin kaufen soll, führt er nicht mehr und deshalb schickt er mich mit seinen besten Empfehlungen in einen Laden in die Rue de Castiglione. Am Schluss nennt er sich Antonio und spricht Italienisch mit mir.
Seit gestern Abend bin ich in Paris. Der Anreisetag, mit Zwischenhalt und Arbeitsessen in Strasbourg, war lang und anstrengend. Mein kurzer Aufenthalt hier, eine Mischung zwischen geschäftlich und privat. Ich treffe Übersetzer und gleichzeitig ein bisschen entspannen wäre gut. Gestern Abend schien mir das noch ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. Paris ist hektisch und laut. Doch heute früh fühlte sich alles ganz anders an. Strahlend blauer Himmel, Kirchenglocken, Schritte auf dem Kopfsteinpflaster ... Paris übt immer wieder einen besonderen Charme auf mich aus. Hier kann ich meine Gedanken spazieren führen. Durch die Strassen des Marais, im Jardin des Tuileries, in Museen und sogar in der Metro.

Montag, 13. Oktober 2014

Geburtstagswünsche


Immer noch wunderbarer Oktober und der eigene Geburtstag schon wieder Geschichte. Danke für die Zusendung diverser Herbstgedichte – auch von selbst gereimten – und dass ihr doch noch eines von Goethe gefunden habt!
Auch Geburtstagswünsche sind Heimat. Insbesondere die altbekannten, wiederkehrenden. Die, die dich in irgendeiner Form jedes Jahr erreichen. Egal, wo du oder die andere Person sich auf dieser Welt gerade befinden. Diesmal blieben sie nach drei Jahrzehnten zum ersten Mal aus. Ich weiss weshalb. Und trotzdem wäre es nicht nötig gewesen. Dieses Auge-um-Auge-Zahn-um-Zahn-Gehabe. Dieser Stolz. Zusammen mit den guten Wünschen zum neuen Jahr stellten sie ein Zeichen der Verbundenheit dar. Und wurden durch all die Jahre hinweg zu einem Stück Heimat. In zehn Wochen fliege ich nach Indien. Glückwünsche zum neuen Jahr nehme ich dann gerne elektronisch entgegen.

Sonntag, 5. Oktober 2014

Der Herbst ist keine Jahreszeit

Der Herbst ist Heimat. Zumindest für mich. Vielleicht weil ich im Herbst geboren wurde. Satte Farben. Leuchtend und ausdrucksstark in ihrer Tiefe. Das Beste wäre jetzt ein Herbstgedicht von Goethe gewesen, aber ich habe keines gefunden.

Dienstag, 9. September 2014

Goethe sieht besser aus

... als Dante. Dies schreibt mir meine Freundin aus Italien als Kommentar zu meinem letzten Blogeintrag. Genau aus diesem Grunde würde sie viel lieber eine Büste von ihm, als eine von Dante auf ihr Bücherregal stellen. Ausserdem sei sie stolze Besitzerin sämtlicher Gedichte von Goethe. Ein Geschenk des deutschen Vizekonsuls aus Mailand als Dank für geleistete Dolmetscherdienste. Im Begleitschreiben vom 8. September 1993 steht unter anderem:

(...) La ringrazio, (...) per essere stata una interprete veramente bravissima durante la visita a Venezia dei deputati (...). Gli argomenti trattati, decisamente, non erano facili da tradurre e i due ospiti non erano sempre facili da sopportare, ma Lei è riuscita a superare queste difficoltà con altrettanto talento che grazia. (…)

Köstlich. Dass nicht nur das Thema, sondern auch die beiden deutschen Gäste eher von der schwierigen Sorte waren, wird hier direkt beim Namen genannt. Und dass die Freundin diese Schwierigkeiten nicht nur mit Bravur, sondern auch con grazia gemeistert hat. Dafür hat sie Tutte le poesie von Goethe geschenkt bekommen. Darum beneide ich sie nun.

Aber: Ich finde nicht, dass Goethe besser als Dante aussieht.

Sonntag, 7. September 2014

Bücher aufräumen und dabei etwas über Heimat verstehen

Ich habe mein grosses Bücherregal entstaubt, gereinigt und sämtliche Bücher neu eingereiht. Rechts die deutschen, links die italienischen und darüber eine Büste von Dante, die ich mir vor Jahren mal unbedingt in Florenz kaufen wollte und es auch tat. Zuunterst die anderen Sprachen. In der Reihenfolge ihrer Häufigkeit sind dies Französisch, Spanisch und Englisch. Vier Stunden hat mich diese Arbeit gekostet. Dabei bin ich gereist. Durch Geschichten und Lebensabschnitte. Ich erinnere mich an Begebenheiten, an einen Ehemann, an Liebschaften, an Freundschaften, an Wohngemeinschaften, an Stimmungen, an literarische Vorlieben. An bestimmte Sommer und Winter, in denen ich es mir zum Ziel gemacht hatte, möglichst alle oder zumindest viele Bücher eines Autors oder einer Autorin zu lesen, weil mich Stil und Handlungen faszinierten. Schon seit jeher waren mir Bücher Zuflucht, Verstehen und Heimat. Und sie sind es heute noch.
Ich stelle fest, dass ich ungefähr gleich viele deutsch- wie italienischsprachige Bücher besitze. Ich stelle fest, dass ich italienische Übersetzungen von deutschsprachigen  Autoren und umgekehrt gelesen habe. Ich stelle fest, dass links, in der italienischen Abteilung, praktisch lückenlos sämtliche Klassiker der italienischen Literatur vertreten sind. Und ich stelle fest, dass rechts, in der deutschen Abteilung, die wichtigsten deutschen Klassiker fehlen. Nicht, dass ich diese nicht gelesen hätte. Und zwar als handliche, platzsparende, preisgünstige gelbe Reclam-Ausgaben, denn es gab Lebensphasen, in denen mein Budget wenig zuliess. Doch dies ist nicht der wahre Grund. Wenn ich vor meiner Bücherwand stehe und die linke Seite betrachte, dann offenbart sich mir eine andere Wahrheit. Dass ich nämlich mein knappes Geld lieber in italienische Klassiker investierte. Mit ihnen verbinden mich nach wie vor Emotionen und die Neugier, die Wurzeln meiner Herkunft zu erforschen. Zu den deutschen Klassikern konnte ich nie eine innige Beziehung aufbauen. Ich las sie aus intellektuellem Interesse und auch weil sie im Zusammenhang mit meinem beruflichen Werdegang zur Pflichtlektüre gehörten. Bei meinen regen Wohnungswechseln konnte man die überaus praktischen Reclam-Bändchen – sprich, die deutschen Klassiker – mit ein paar wenigen Handgriffen problemlos in einen Migros-Papiersack verstauen, der mal in einem viel zu feuchten Keller zwischengelagert wurde und deshalb Jahre später der Müllabfuhr zum Opfer fiel. Tönt lieblos, ist es aber nicht. Im Gegenzug habe ich viele schöne Erinnerungen an Theateraufführungen. Goethe, Schiller, von Hofmannsthal, Eichendorff, Büchner ... Goethe mag ich. Vor allem seine Lebensgeschichte, seine Briefwechsel und seine Gedichte. Vielleicht investiere ich demnächst mal in einen schönen Gedichtband. Aber es würde mir nie in den Sinn kommen, nach Weimar zu reisen, eine Büste zu kaufen und diese auf die rechte Seite meiner Bücherwand aufzustellen.